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"Warum heile ich nicht endlich?" - Umgehen mit Selbstkritik, Perfektionismus und Druck auf dem Heilungsweg

Wieso tun wir uns so schwer, in unserem eigenen Tempo zu heilen? Weil es meist bedeutet, dass Heilung - und die Reduzierung oder Auflösung bestimmter Symptome - länger dauert, als angenehm ist.


Als ich irgendwann an einem Punkt angekommen war, an dem ich meine Traumata und die Trauma-Symptome verstand, spürte ich eine Stagnation. Indem ich jahrelang mehr gelernt und verstanden hatte, konnte ich mich selbst der Illusion hingeben, dass ich mich im Prozess der Heilung befand.


Wieso änderte sich dann nichts, als ich alles verstanden hatte? Plötzlich waren manche Symptome sogar noch stärker. Ich spürte die jahrelang unterdrückte Unruhe umso mehr, verstand, wie stark mich meine Traumata noch an authentischer Verbindung hinderten.


Was dann auftauchte - und du vielleicht derzeit empfindest - ist Ungeduld und der Drang, alles und bitte sehr schnell aufzulösen. Ich wollte mich genauso heilen, wie ich in mancher Hinsicht krank geworden war: durch Druck und Perfektionismus.


Schnelligkeit


Unsere schnelllebige Kultur und die Konsumkultur, die sich stark an die schnelle und repetitive Dopaminausschüttung gewöhnt hat, hat dazu beigetragen, dass wir auch im Bereich der Traumaheilung immer mehr Slogans sehen a la "Mache diese Übung für Trauma-Release" oder "Breathwork wird dich von deinen Traumata befreien".


Wir glauben, dass mit uns etwas nicht stimmt, wenn diese vielversprechende Übung nichts bewirkt oder das Eisbaden Angst statt Ruhe oder Befreiung in uns auslöst. Wir suchen weiter, nach der einen Übung, dem einen Kurs, der das Trauma endlich aus uns löst.


Wenn du aber einmal ganz oberflächlich und kurz an das denkst, was die Traumatisierung in dir ausgelöst hast und überlegst, wie lange die traumatisierende Situation/Umgebung/Beziehung angedauert hat, welche Symptome sie ausgelöst hat, ob Manipulation/Nötigung im Spiel waren, wird dir vielleicht bewusst, wie komplex das Trauma ist und dass eine Übung allein das Trauma nicht auflösen kann.


Eine Traumatisierung betrifft meistens diese Aspekte, die alle bei der Heilung mit einbezogen werden müssen:


  • Körper

  • Emotionen

  • Selbstbild

  • Gedanken

  • Beziehungen


Ein dysreguliertes Nervensystem hat Angst vor Veränderung, auch wenn du dir diese wünschst. Statt auf die große Veränderung und die plötzliche Trauma-Auflösung zu warten, erkenne an, dass das Trauma komplex ist und Zeit bedarf. Wie schnell wir heilen, hängt auch damit zusammen, wieviel Kapazität unser Nervensystem für Veränderung hat.


Was, wenn due größte Veränderung eintreten wird, wenn du aufhörst, mit Druck heilen zu wollen und täglich auf dein Nervensystem hörst und es fragst, wieviel Raum es für Veränderung und Heilung es hat.


Denn Traumaheilung ist Arbeit und wenn wir nebst einem Job von uns erwarten, im Laufschritt zu heilen, reagiert unser System vermutlich mit Gegendruck. Die größte Transformation oder Möglichkeit für Transformation entsteht vielleicht dann, wenn du dir erlaubst, in deinem Tempo zu heilen. In Mikro-Schritten, die andere womöglich nicht sehen, du vielleicht auch nicht sofort. Die aber über Monate spürbar werden.


Selbstkritik, Selbsthass und Perfektionismus


Was spürst du bei dem Gedanken an einen langsamen Heilungsweg in deinem ganz eigenen Tempo? Spürst du Druck oder taucht da eine Stimme in dir auf, die sagt, dass du mit dem Trauma und den vielen Symptomen nichts wert bist? Dass du heilen musst, um dich lieben zu dürfen, stolz auf dich sein zu dürfen?


Tauche mal ein und spüre die Dinge auf, die du derzeit als nicht liebenswert erachtest. Was genau an der Traumatisierung und den Symptomen lehnst du ab? Wessen Stimme ist das? Wo hast du gelernt so kritisch zu sein, dich so nicht lieben zu dürfen?


Falls du magst, kannst du dir einmal vorstellen, wie dieser selbstkritische Anteil aussieht. Stell dir einen großen Tisch vor, an dem du - die Erwachsene - sitzt. Rings um den Tisch sitzen alle anderen Anteile, der Selbsthass, die Angst vor Ablehnung, der Perfektionismus. Wie sehen diese Anteile aus, was haben sie zu sagen?


Je mehr du übst, diese Anteile bzw. Stimmen als einen erlernten Teil von dir zu sehen, statt als dich selbst, desto leiser werden diese Stimmen. Erst, wenn wir dem Schatten in uns Raum und eine Stimme geben und er sich gehört und gesehen fühlt, kann er sich zurücknehmen, Raum machen für Licht in Form von Selbstliebe und somit Heilung.


Traumaheilung ist nie zu Ende. Denn wenn wir uns ent-wickeln, eine Schicht nach der anderen freilegen, werden wir immer wieder Aspekte entdecken, die wir verändern und weiter ent-wickeln wollen. Wir bleiben auf immer und ewig unfertig oder imperfekt.


Heilung entsteht, wenn Kapazität da ist


Je mehr Kapazität du entwickelst, mit dem präsent zu sein, was sich gerade zeigt - ob es Wut, Selbsthass, Unruhe, Angst ist - desto mehr Raum wird geschaffen für Heilung. Oder anders gesagt: Genau das, das präsent sein mit schwierigen Gefühlen und Empfindungen ohne ein Urteil, ist die Heilung. Statt dir als Ziel zu setzen, endlich heilen zu wollen, schaffe Zeit für das präsent sein in deinem Körper.



  1. Spüre deinen Körper - nimm dir täglich dreißig Sekunden Zeit, deinen Körper zu spüren. Je nachdem wie viel Unruhe dein Nervensystem aushalten kann, wird dir das leichter oder schwerer fallen. Spüre die Füße, deine Hände, die Beine, etc. Bleibe bei den Körperteilen, die sich sicher anfühlen.

  2. Höre auf, allem eine Bedeutung zu geben - statt jedem körperlichen Gefühl, eine Bedeutung zu geben, probiere, nur zu spüren. Nicht jedes Symptom braucht eine Bedeutung. Je weniger wir deuten und interpretieren, desto mehr Raum ist da für Veränderung und Präsenz und auch Erholung deines Nervensystems, das nicht 24/7 mit dem Kopf verstehen muss.

  3. Bleibe in deiner Komfortzone - Traumaheilung braucht Ruhe, Sicherheit und Langsamkeit. Breathwork, Eisbaden oder andere extreme Praktiken dysregulieren dein Nervensystem womöglich. Bleibe, soweit es geht und sich gut anfühlt, in deiner Komfortzone. Das betrifft auch Hobbies, Reisen, Aufgaben im Beruf. Denn wenn alles um dich herum ständig Mut oder Aufmerksamkeit verlangt, spürt dein Nervensystem Gefahr statt Sicherheit.


Zu guter Letzt möchte ich dir drei Fragen mitgeben, über die du nachdenken oder journaln kannst:


Was, wenn ich, mit dem was ich erlebt habe und als Päckchen mitbekommen habe, genau richtig und in meiner Geschwindigkeit heile? Was ist vielleicht das Gute daran, dass ich so "langsam" heile? Wovor will mich mein Nervensystem schützen, indem es nicht schnell heilen will?


Deine Natascha






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